Ein Stechen und Brennen vom Rücken bis in die Beine – Probleme mit dem Ischiasnerv quälen viele Menschen. Hier erfahren Sie, welche Rolle Stress spielt, was Sie im Alltag vermeiden sollten und wie viel Bewegung bewirken kann.
Von Bastian Miesch
Es ist dieser eine Nerv, der so vielen schmerzhaft auf die Nerven geht. »Ich habe Ischias«: Nur wenige Sätze dürften im Gespräch mit einem Orthopäden oder einer Orthopädin häufiger fallen. Einer Umfrage zufolge haben fast 40 Prozent der Menschen mindestens einmal im Leben mit nervalen Problemen in dem Bereich zu kämpfen.
Die Schmerzen stammen aus dem unteren Rücken. Oft strahlen sie ins Gesäß, den Oberschenkel oder Fuß aus. In vielen Fällen reicht eine konservative Behandlung, manchmal ist eine Operation notwendig. Wir erklären, warum der Nerv so wichtig ist, was Sie vermeiden sollten und welche Bewegungsübungen helfen können, um Schmerzen zu lindern.
Warum ist der Ischiasnerv so wichtig – und wo liegt er?
Ist vom »Ischias« die Rede, ist eigentlich der Ischiasnerv gemeint. Er verläuft vom unteren Rücken über das Gesäß und die Rückseite der Oberschenkel bis hinunter in die Kniekehlen. Dort teilt er sich auf in zwei Hauptäste, die weiter in die Unterschenkel und Füße führen.
Willibald Walter ist Facharzt für Orthopädie und Manualtherapie, er sagt: »Der Ischias ist der größte und dickste Strang im menschlichen Körper, zum Teil gespeist von den Nerven ganz unten. Patienten bezeichnen das, was vom Rücken kommend ins Bein ausstrahlt und Beschwerden macht, im Volksmund als Ischias.«
Der Nerv dient der Steuerung der Bein- und Fußmuskulatur sowie des Transports von Empfindungen wie Berührungen, Temperatur und Schmerz. Eine Reizung oder Einengung des Ischiasnervs, auch Ischialgie genannt, kann ernsthafte Folgen haben. Deshalb sollte je nach Art und Stärke der Beschwerden mitunter ein Arzt konsultiert werden.
Patienten berichten von einem stechenden und brennenden Schmerz. Ein unangenehmes Kribbeln und Taubheit sind ebenfalls typische Begleiterscheinungen.
Welche Rolle spielt ein Bandscheibenvorfall?
Schmerzen im unteren Rückenbereich sind zwangsläufig mit dem Ischias zusammen. »Häufig sind in der Region kleine Wirbelgelenke betroffen, hin und wieder auch das Kreuzdarmbeingelenk oder das Sakroiliakalgelenk. Doch diese lösen lediglich lokale Schmerzen aus«, sagt Facharzt Walter. »Alles, was ausstrahlt, ist in der Regel ein Nervenschmerz.«
Ein solcher Schmerz ist insbesondere dann zu spüren, wenn im Vorfeld ein Bandscheibenvorfall oder eine Bandscheibenvorwölbung diagnostiziert wurde. Oftmals sind große Bandscheibenvorfälle allerdings asymptomatisch, während kleine Bandscheibenprotrusionen (eine Vorwölbung des Gallertkerns der Bandscheibe) Schmerzen verursachen. Dann drückt ausgetretenes Bandscheibenmaterial auf die Wurzeln des Ischiasnervs und verursacht stechende Schmerzen.
Ist der Ischias einmal betroffen, bleibt er meist ein Leben lang anfällig für Rückfälle. »Je früher die richtige Therapie gefunden wird, umso besser ist die Prognose, dass man dieses Problem auch langfristig in den Griff bekommt«, so Walter.
Wo genau Schmerzen entstehen, hängt davon ab, welche Nervenwurzel betroffen ist (S1, S2 oder S3 sowie L4 oder L5). »Liegt beispielsweise eine Reizung der Nervenwurzel am vierten Lendenwirbel vor, auch L4 genannt, strahlt der Schmerz typischerweise vom unteren Rücken über die Vorderseite des Oberschenkels bis ins Knie aus. Eine Reizung der Nervenwurzel S1 hingegen verursacht eher ziehende Schmerzen an der Hinterseite des Beins, die bis zum Teil in den Fuß hinein ausstrahlen«, sagt Walter.
Wie entstehen Probleme am Ischiasnerv?
Was im oberen Rücken- und im Nackenbereich gilt, trifft auch auf den Ischiasnerv zu: Bewegungsmangel ist eine der Hauptursachen für Schmerzen. Langes und einseitiges Sitzen führt zur Schwächung der Rumpfmuskulatur, was die Bandscheiben stärker belastet. Die Untätigkeit reduziert den Flüssigkeitsfluss in den Faszien, daher verkürzen Muskeln sich weiter.
Doch auch eine Überbelastung des Körpers, insbesondere des Rückens, kann negative Folgen haben. »Permanenter Kraftsport und einige stoßartige Sportarten sind ebenfalls nicht förderlich. Unsere Wirbelsäule und Gelenke werden durch ruckartige Stöße und abrupt abstoppen Bewegungen stark beansprucht und womöglich beschädigt«, sagt Walter.
Probleme können ebenso dann entstehen, wenn wir kaum damit rechnen – im Schlaf. »Wenn Sie als Bauchschläfer auf einer zu weichen Matratze schlafen, kann der Ischiasnerv belastet werden. Sie hängen regelrecht durch, es bildet sich ein Hohlkreuz. Das reizt die kleinen Wirbelgelenke und bereitet Rückenschmerzen«, erklärt der Orthopäde. Empfohlen werden Viscoschaummatratzen, die sich der Körperkontur anpassen und den Druck optimal verteilen können.
Eine erhebliche Rolle spielt zudem Stress. »Ich habe viele Patienten, die fahren in den Urlaub und sind eine Woche beschwerdefrei, klagen aber schon am Tag der Rückreise wieder über starke Rückenschmerzen«, berichtet Walter. »Stress führt zu Verspannungen, es ist also kein untypisches Phänomen.«
Wie kann ich den Nerv entlasten?
Neben der Stressbewältigung rät der Experte zu Wärmebehandlungen, Dehnübungen und ständigen Positionswechseln. Die seien das »A und O, um Problemen vorzubeugen«, weil ständiges Sitzen zu Fehlhaltungen führe und sowohl Bandscheiben als auch den Nerv belaste.
Wenn Sie akute und immer wiederkehrende Schmerzen haben, verspricht die sogenannte Stufenlagerung eine gewisse Entlastung. »In 85 bis 90 Prozent der Fälle sagen mir meine Patienten, dass es schnell besser wurde, nachdem sie die Beine auf dem Rücken liegend hochgelegt haben«, sagt Walter.
Der Facharzt ist davon überzeugt, dass die Hüftbeuger eine zentralere Rolle spielen müssen. »Ständiges Sitzen führt dazu, dass unsere Hüftbeuger verkürzen. Der Bewegungsmangel hat meist ein Hohlkreuz zur Folge. Wenn man die Muskulatur in dem Bereich lockert, kann dem entgegengewirkt werden«, sagt Walter. »Ich mache leider immer wieder die Erfahrung, dass zu viele Physiotherapeuten sich diese gar nicht anschauen. Und damit ist die Therapie nicht wirklich effizient.«
Auch Stretching nach einer Sporteinheit wird dem Mediziner zufolge unterschätzt: »Bei einem zweistündigen Tennismatch oder einer Einheit im Fitnessstudio wird die Muskulatur gekräftigt. Doch sie will ja nicht nur kräftig, sondern auch geschmeidig bleiben. Wenn ich mich nicht dehne, fällt mir das irgendwann auf die Füße. Ein Saunagang kann einen ähnlichen Effekt auf die Muskulatur haben.«
Wann sollte ich einen Arzt aufsuchen?
Nicht immer ist es nötig, einen Arzt um Rat zu fragen. Mit Wärmeanwendungen, Stressbewältigung, Positionswechseln und Bewegung lassen sich Schmerzen am Ischias oft lindern. Doch was, wenn das alles nicht hilft?
»Ich empfehle, genau dann einen Orthopäden aufzusuchen, wenn Schmerzmittel definitiv nicht mehr weiterhelfen«, sagt Walter. »Orthopäden steht ein großer Werkzeugkasten an modernen, konservativen Therapien zur Verfügung, die in mehr als 90 Prozent der Fälle eine Operation vermeiden können.«
Yannik Cauvin, Physiotherapeut in der Münchner Praxis »Gesund. Reha rechts der Isar«, hält es für besonders wichtig, den beanspruchten Nerv nicht weiter zu reizen. Darüber müsse der Patient schnell aufgeklärt werden, sollte aber zunächst seine alltäglichen Gewohnheiten überdenken, bevor er einen Arzt aufsuche: »In der Regel führt nicht nur eine Sache zu Ischiasbeschwerden. Bei nervalen Symptomatiken ist es meist eine Kombination aus Faktoren wie Fehlhaltungen, Überbelastungen, schlechter Ernährung, Schlaf und Stress«, sagt Cauvin. »Wenn wir beispielsweise bei der Arbeit merken, dass uns eine bestimmte Position im Büro nicht guttut, müssen wir schnell handeln.«
Die perfekte Prävention wäre deshalb ein Besuch beim Orthopäden, der eine ausführliche Untersuchung in Verbindung mit einer statikanalyse der Wirbelsäule durchführt. »Kraft- und Faszienübungen sind hilfreich, um generell statische Probleme anzugehen – idealerweise noch vor dem Schmerz.«